Wenn sie einfach nicht kommt…
… dann geht man jedes Mal mit einem flauen Gefühl ins Bad, auf der einen Seite flehentlich hoffend, dass man sie endlich bekommen würde, auf der anderen Seite auch seltsam kribbelig nervös, weil man mit dem Gedanken spielt: Was, wenn ich doch schwanger bin?
Gemeint sind natürlich die Tage, die einen eigentlich jeden Monat zur selben Zeit heimsuchen, um uns Frauen mit Bauchkrämpfen, Rückenverspannungen und Unwohlsein zu quälen. Mich ganz besonders, weshalb ich sie eigentlich jedes Mal zum Teufel wünsche. Aber in den letzten Monaten kam es vor, dass sie sich zwei, drei Tage später meldeten. Da ich durch das Studium ziemlich viel Stress habe, ist das biologisch ganz normal. Die Menstruation einer Frau kann stressbedingt spärlicher ausfallen oder ganz ausbleiben, weil der Körper entschieden hat, dass er diesen Monat gar nicht fit genug für die Entstehung neuen Lebens ist und es deshalb nicht dazu kommen lässt. Aber wer weiß schon, wo da die Grenze liegt?
Eigentlich bräuchte ich mir keine Sorgen machen. Da ich jeden Tag ein kleines, rundes Bonbon zu mir nehme, dass meine Ärztin mir verschrieben hat, drüfte da gar nichts passieren. Schließlich ist die Pille zu 99,9 % sicher. Hm. Das heißt doch, dass nur eine von Tausend Frauen, die die Pille nehmen, trotzdem schwanger wird. Oder statistisch andersherum: Von Tausend Monaten versagt sie nur einmal. Und wenn das nun gerade mir passiert? Dann nützt die Statistik mir auch nichts. Dann wächst da bei mir plötzlich ein Baby im Bauch.
Ja, und dann? Dann fing ich an, nachzudenken. Darüber, wie es eigentlich wäre, Mami zu sein. Ich habe mir das schon oft vorgestellt, und in nicht allzuferner Zukunft möchte ich auch Kinder bekommen. Aber nicht jetzt zu Beginn meines Studiums. Und auch wenn dieser Entschluss rein vernunftgemäß feststeht – irgendetwas in mir brachte mich doch zum Lächeln bei dem Gedanken, schwanger zu sein. Da würde ein winziges Wesen in mir heranwachsen, mit kleinen Ärmchen und Beinchen. Nach neun Monaten könnte ich es dann im Arm halten und liebkosen, es warm halten und stillen. Ihm Lieder vorsingen und mit ihm spielen. Wenn ich dazu nach durchwachten Nächten und vor lauter Windelwechseln noch Zeit hätte. Außerdem wollte ich doch ganz traditionell erst heiraten und dann mit der Kinderplanung beginnen…
Zwei Tage zwischen Nervosität und verträumten Vorstellungen später kam dann die Erleichterung. Nicht schwanger. Mir fiel ein Stein vom Herzen. Jetzt könnte ich einem Baby noch gar nicht das Leben bieten, welches ich mir für einen Sprössling wünsche. In drei bis fünf Jahren sieht das (hoffentlich) schon ganz anders aus. Aber irgendwo in meinem Hinterkopf, vielleicht auch eher etwas tiefer, in meinem Herzen – da war ich ein kleines bisschen traurig. Bis Luke mich dabei beobachtete, wie ich mir über den Bauch strich, mich von hinten umarmte und mir ganz lieb ins Ohr flüsterte: „Bald, mein Schatz, bald.“
Schwiegerelternwochenende
Eigentlich sagt der Titel schon alles. Zumindest denjenigen, die selbst Schwiegereltern haben. Ich habe zwar offiziell noch keine, aber wie bezeichnet man sonst die Eltern des Freundes, den man in naher oder ferner Zukunft vorhat zu heiraten?
Wie dem auch sei. Entgegen einiger eventueller Erwartungen sind meine Schwiegereltern unglaublich nett. Sie haben mich von Anfang an lieb behandelt und waren völlig offen. Mein erster offizieller Besuch als Freundin ihres Sohns war eigentlich ganz unverfänglich. Es gab ein bisschen Kuchen und für mich Anti-Kaffee-Trinker eine heiße Schokolade. Mein Spatz hat mich bei sich auf dem Schoß platziert und wir haben über dies und das geredet. Kurz bevor wir wieder gegangen sind, machte man mich darauf aufmerksam, dass ich meine Schuhe noch anhabe – ups. Aber sonst lief alles bestens.
Auch sonst kommen wir gut miteinander klar. Meistens war mein Freund bei mir, schließlich habe ich schon eine Weile nicht mehr bei meinen Eltern sondern in einer WG gewohnt. Meistens haben wir auch bei mir übernachtet, sodass er quasi nur noch zu Hause war, damit niemand vergaß, wie er aussieht. An den Wochenenden sind wir dann ab und zu zum Mittagessen bei ihm gewesen. Das ist für Studenten ziemlich praktisch ^^ Da Lukes Vater ein Meisterkoch ist, war das Mittag immer ausgezeichnet. Danach haben wir noch ein bisschen geplaudert und ich habe viel über Lukes Kindheit gelernt. Dass er als Baby gut geschlafen und wenig geschrien hat. Dass er gerne Krautrouladen isst, gerne auch zwei, und dass er ausschlafen kann wie ein Igel nach dem Winterschlaf.
Letzte Woche waren wir genau ein Jahr zusammen. Da wurde es eigentlich langsam Zeit, unsere Eltern zusammen zu bringen. Sie hatten sich kurz auf dem Abiball kennen gelernt, aber viel Zeit zum Reden war da nicht. Alsu luden meine Eltern Lukes Eltern auf ein gemeinsames Wochenende ein. Ich war ziemlich aufgeregt. Schließlich wollte ich nicht, dass irgendwas schief ging. Meine Mama kann ziemlich viel erzählen und mein Vati hat in einigen Dingen eben eine feste Meinung. Lukes Vater ist sehr anspruchsvoll, was Essen angeht. Da gibt es keine Kompromisse. Hoffentlich würde ihm alles schmecken. Und wenn sie sich langweilen würden? Na, irgendwie würden wir das schon hinbekommen. Schließlich hatte ich Luke. Der sah das alles ganz locker. Ich machte mir sicherlich einfach nur zu viele Gedanken.
Das Wochenende kam und mit ihm gottseidank schönes Wetter. Lukes Eltern tauchten wie vereinbart nach dem Mittagessen auf. Wir plauderten ein bisschen – die Stimmung wurde lockerer, wickelte meine Nervosität in schönen kleinen Portionen in Kisterfolie und warf sie fort. Das lief doch gut. Und „gut“ konnte ich wirklich brauchen. Bald waren Klausuren und ich müsste eigentlich jede freie Minute zum Lernen nutzen. Ein reibungsfreies Wochenende wäre wirklich das Schönste.
Und soweit konnte ich nicht klagen. Es gab keine peinlichen Situationen und keine seltsamen Schweigemomente. Ich meine, sowas kennt man ja aus dem Fernsehen. Einer sagt etwas Peinliches, aber bekommt es nicht mit. Der andere fühlt sich auf den Schlips getreten und auf einmal ist die Situation total angespannt, alle lächeln und überlegen schweigend, wie sie das möglichst schnell hinter sich bringen können.
Aber meine Eltern waren einfach super. Sie grubenkeine uralten Kamellen über mich aus und hörten sich alles an, was Lukes Vati so zu erzählen hatte. Und er hatte viel zu erzählen. Es gab kein Thema, bei dem er nicht mitreden oder einen guten Tipp beisteuern konnte. Und selbst wenn es doch unglaublicherweise ein Thema gab, zu dem er nicht mindestens eine Anekdote hatte, dann wusste er wenigstens einen intelligenten Kommentar preiszugeben. Ich lernte an diesem Wochenende viel über Lukes Eltern – und Luke, denn er hat sehr viel mit seinem Vater gemeinsam. Manche Dinge perfektioniert er sogar noch. Luke weiß nämlich alles noch besser. Ganz egal was ich sage, er hat immer einen drauf zu setzen. Einen Fakt zum Thema, den er mal gelesen oder gehört hat. Eine Korrektur meiner Aussage, die winzigklein sein kann und trotzdem dringend ausgesprochen werden muss. Und ich fühle mich dann irgendwie… klein und dumm. Ich habe ihm das auch schon gesagt, aber er erwidert dann ich würde damit übertreiben und er meint es ja schließlich nicht so. Tut er auch nicht, es ist halt nur seine Art. Und die hat er ganz offenbar von seinem Vater geerbt. Jaja, der Apfel und der Stamm, nicht wahr?
Trotzdem war das Wochenende sehr schön und wir lachten viel. Nach dem Kaffee gingen wir ein bisschen spazieren – genossen das Wetter, stiefelten durch die Gegend, sowas eben… Abends saßen wir beisammen, tranken Rotwein und kramten nun doch die alten Geschichten aus. Alles in allem war es ein gelungenes Wochenende. Ich hatte mir umsonst Sorgen gemacht. Wäre doch viel schlimmer gewesen, wenn Lukes Vater stumm und grummelnd dagesessen hätte statt lebhaft vokal daueraktiv zu sein. Oder wenn es geregnet hätte. Manchmal denken Frauen einfach zu viel nach.