Warum man nicht ungestylt aus dem Haus geht
Ich wollte eigtnlich nur in die Stadt fahren, um ein paar Gurken, ein Kilo Tomaten und einen Salatkopf zu kaufen, weil das in der Summe unseren Lieblingssalat ergibt. Aber Lust dazu hatte ich absolut keine. Also schlüpfte ich in ein altes Schlabbershirt (es hatte einen Cinderelly-Aufdruck…), quetschte mich in eine runmliegende Jeans und zog meine Schuhe an. Die Jeans war lang genug, um zu verdecken, dass ich zwei verschiedene Socken trug. Ich schnappte mir meine Tasche samt Schlüssel und Geld und ließ die Tür hinter mir ins Schloss fallen.
Es war ziemlich warm und ich war keine drei Schritte aus dem Haus, als mir die Brühe schon übers Gesicht lief. Gut, dass ich nicht geschminkt war. Aber meine langen Haare klebten mir im Nacken. Lästig. Ich kramte einen Haargummi aus der Tasche und band mir notdürftig einen unordentlichen Dutt. Bei der Haltestelle angekommen hingen mir viele Strähnchen wirr ins Gesicht. Seufzend lehnte ich mich an einen Laternenmasten und sah auf die Uhr. Wenn ich mich beeilte, würde ich in einer knappen Stunde zurück sein.
„Hey, na du.“
Zuerst nehme ich die Stimme neben mir gar nicht für voll, doch als niemand antwortet, schaue ich kurz auf. Und da steht er. Sven. Einsfünfundachtzig groß, kurze rotblonde Haare und ein Lächeln, bei dem ich vor zwei Jahren dahingeschmolzen bin wie Vanilleeis in der Sonne. Und nun stand er vor mir. Und ich… Na toll. Ich sah aus wie frisch vom Bau. Schlabberklamotten, kein Make-up und meine Haare: Ohne Worte.
„Hallo“, meine ich und versuche, ebenfalls zu lächeln. „Wie geht’s?“
„Gut, und selbst?“
„Auch…“ Ich nicke knapp. Ob er damals eigentlich etwas von meiner Schwärmerei mitbekommen hatte? Ich glaube nicht. Ich war immer sehr schüchtern. Was wohl an meinem Übergewicht lag. Ich war stets der Meinung, dass es sowieso niemals einen Jungen geben würde, der mich in irgendeiner Art und Weise hübsch finden könnte. Es ist mir auch heute ein Rätsel, was genau Luke an mir schön findet, aber er tut es, und das macht mich glücklich. Na, jedenfalls denke ich nicht, dass Sven auch nur im Entferntesten geahnt haben könnte, dass ich zu Hause Herzchen neben seinen Namen in mein Tagebuch malte oder nachts wach lag und nur an ihn denken konnte. Das zog sich so dahin, bis ich nach und nach herausfand, dass er in der Schule richtig schlecht war, häufiger mal den Unterricht schwänzte und kiffte. Eigentlich nicht ganz das, was ich wollte.
Trotzdem war es irgendwie seltsam, ihn hier zu treffen, und dann auch noch in diesem Outfit. Tja, da musste ich nun durch. Wir plauderten eine Weile über die Schule und seine Arbeit als Zivi. Als die Bahn zwei Minuten später kam und sich unsere Wege wieder trennten, fiel mir wieder ein, weshalb ich irgendwann doch nicht mehr in ihn verknallt war. Er mochte gut aussehen und charmant lächeln, aber das war auch schon alles. Mit hohlem Kopf lächelt es sich vielleicht einfach gut.
Als Luke Abends nach Hause kam und den gedeckten Tisch sah, strahlte er mich an.
„Das sieht aber lecker aus.“
Ich strahlte zurück. „Nur für dich.“
Er gab mir einen Kuss und drückte mich. Dann strich er mir eine zottelige Strähne aus dem Gesicht.
„Süß, deine Haare.“
„Sie sind völlig durcheinander“, widersprach ich.
„Ja, und das ist süß.“
UIch sah ihn kurz an. Dann lächelte ich. „Danke.“