Jeder hat einen Traum
Meiner ist es, einmal ein Buch zu schreiben. Genauer gesagt einen Roman. Und ich weiß, dass ich das irgendwann auch tun werde. Ganz gleich, ob ich dann einen Verlag finde oder überhaupt jemand außer mir und Luke ihn lesen wird… ich werde irgendwann eine Geschichte aus meinem Kopf aufgeschrieben haben.
Angefangen hat alles in der Grundschule. Da habe ich in meine Deutschhefte kleine Geschicht(ch)en über die merkwürdigsten Dinge geschrieben – zum Beispiel über zwei Hunde namens Schaschudor und Schaschuwick oder über eine kleine blaue Ente. Munter weiter ging es dann im Gymnasium, da fuhr ich allerdings eher auf der poetischen Schine. Hier und da ein kleines Gedicht, dort auch mal eine längere Ballade. Wenn ich mir meine „Werke“ heute durchlese, muss ich manchmal schmunzeln. Der Mangel an rhetorischem Geschick ist kaum zu übersehen. Aber ich entwickelte mich, so nach und nach. Irgendwann begegnete ich dann dem Phänomen „Fanfiction“. Ich habe gerade keine Lust, das ausführlicher zu erläutern, aber auf Wikipedia sollte man dazu genug finden. Vielleicht lasse ich mich auch mal dazu aus, später. Jedenfalls war ich ganz begeistert. Als kleines Mädchen habe ich Geschichten zu TV_Serien wie Sailor Moon oder Mila Superstar erfunden, sie nur nie aufgeschrieben. Jetzt hatte ich auf einmal große Lust, die Ideen in meinem Kopf auch zu Papier zu bringen. Viele Abende verbrachte ich am PC und schrieb und tippe wie wild. Meistens ließ ich die Ergebnisse ein paar Tage ruhen und las dann noch einmal drüber, um Korrekturen vorzunehmen. Ich veröffentlichte die Storys im Internet, in speziellen Archiven oder Foren. Und irgendwann bekam ich sogar Feedback. Vielen gefiel mein Schreibstil, was mir Mut machte. Meine kleine, bescheidene Sammlung an Fanfictions wuchs. Ich schrieb zu verschiedenen TV-Serien, meistens amerikanischen Ursprungs. Viele der Inhalte handelten von – wie sollte es anders sein – Liebe und Beziehungen. Doch irgendwann gingen mir die Ideen aus. Manche Serien wurden eingestellt, sodass es keine neuen Vorlagen gab, mit denen man spielen könnte.
Neben Fanfictions schrieb ich auch schon immer gerne Kurzgeschichten. Kleine Alltagssituationen oder Szenen, die mir so in den Kopf kamen, wenn ich Straßenbahn fuhr oder in der Schule vor mich hinträumte. Und in einem Sommerurlaub 2006, es war auf einer langen Autofahrt und ich hate die Ohrstöpsel meines MP3-Players drin, entwickelte sich in meinem Kopf plötzlich eine Geschichte. Zunächst verschwommen und fragmentweise, dann aber klarer und eutlicher, fast wie ein Film an den man sich erinnert, tauchten Bilder und Dialoge in meinem Kopf auf. Ich schloss die Augen und genoss es. Als wir am Ziel angekommen waren, war ich fertig. Ich hatte zwei Hauptcharaktere ausgeformt, einen Plot und jede Menge kleiner Szenen. Es hatte richtig Spaß gemacht. Ich griff nach einem Notizbuch, das ich immer mit herumtrage, und notierte das wichtigste.
Tja. Inzwischen ist das zwei Jahre her und das Notizbuch liegt in einer Schreibtischschublade, ohne dass ich es jemals wieder geöffnet habe. Ich schaffe es einfach nicht, mich hinzusetzen und loszutippen. Warum, das weiß ich auch nicht so genau. Vielleicht weil ich es dann verwirklichen würde und Angst hätte, dass es nicht gut genug wird. Ich bin sehr anspruchsvoll, was meine eigenen Texte angeht. Wenn die Szenen in meinem Kopf also nicht so rüberkommen, wenn ich sie tatsächlich schreibe… Nun ja. Also schiebe ich es vor mir her. Es ist schließlich mein Traum, und Träume haben ist wichtig. Solange es nur ein Traum ist, kann ich mich darauf freuen. Das mag absurd klingen, aber noch bin ich nicht so weit. Ich möchte schreiben, wenn ich viel Zeit dafür habe, und die fehlt mir momentan vorne und hinten. Ich will nicht zwischen Tür und Angel mal eben ein paar Sätze tippen, und dann in die Uni huschen oder nebenbei lernen. Und wenn ich nachts schreibe, wenn ich eigentlich schlafen müsste, ärgere ich mich früh weil ich unausgeschlafen bin und in der Uni Leistung bringen muss. Wie ich es auch drehe und wende – eine Weile wird mein Traum noch warten müssen. Und solange freue ich mich darauf, ihn irgendwann zu verwirklichen.
Männer sind Faultiere
Es ist Wochenende. Zweite Halbzeit. Die Sonne strahlt seit früh halb acht durch den Türspalt unseres Schlafzimmers und ich döse eigentlich nur noch so vor mich hin. Gegen neun versuche ich, Luke durch liebevolles Rückenstreicheln zu wecken, doch er hält nach einer Weile meine Hand fest, grunzt in sich hinein und schläft weiter. Ich ziehe vorsichtig meine Hand weg und krabbele seufzend aus dem Bett. Wir haben noch so viele Baustellen in unserer Wohnung, da kann ich doch nicht den ganzen Tag verschlafen. Eine Kommode in der Stube und ein Arbeitszimmerschrank müssen noch zusammengebaut werden. Außerdem will ich mir aus gekauften Regalbrettern ein Bücherregal zusammenzimmern, weil es die Art Regal, die mir vorschwebt, nicht zu kaufen gibt.
Aber zuerst sollte ich eine Wäsche anwerfen und den Geschirrspüler ausräumen. Gesagt, getan. Während die Wäsche vor sich hinrumpelt, mache ich es mir in meinem Schaukelsessel bequem und konsultiere mein Biochemiebuch. In einer Woche sind Klausuren, also sollte ich mich an meinen Lernplan halten. Nach den ersten drei Kapiteln ist die Wäsche durch und ich brauche dringend eine Pause. Perfektes Timing.
Sieben T-Shirts, fünf Paar Socken und einige Unterhosen später schläft Luke noch immer. Ich werde langsam ungeduldig, weil ich anfangen möchte, die Kommode zu bauen. Gegen kurz vor elf tapst mein Spatz dann zerknautscht aus dem Schlafzimmer geradewegs ins Bad.
„Gn’morn“, murmelt er vor sich hin und kann kaum die Augen offen halten. Ich muss lächeln.
Eine Weile später bauen wir zusammen die Schränke auf – ich mein Regal und er den Arbeitszimmerschrank. Den Müll und die Verpackungen stapeln wir im Flur. Müll wegbringen gehört – genau wie Staubsaugen – zu Lukes Haushaltsaufgaben und ich weise ihn freundlich daraufhin. Er mag es nicht, bevormundet zu werden.
„Mach ich nachher“, erhalte ich als Antwort. Ich seufze, denn das kenne ich nur zu gut. „Nachher“ kann vieles heißen. Manchmal bedeutet es „morgen, ach nee… übermorgen“, manchmal auch „wenn ich irgendwann in meinem Leben Lust dazu haben sollte“. Warum kann es nicht auch mal „ich erledige das in 2 Minuten“ heißen?
Ich versuche, das einfach zu ignorieren. Vielleicht macht er es ja tatsächlich… nachher. Doch meine Hoffnungen wurden gnadenlos durch ein Knurren von Luke als Reaktion auf eine zweite Aufforderung meinerseits sowie durch sein Mittagsschläfchen zerstört. Wobei Schläfchen noch gewaltig untertrieben ist. Ich hatte währenddessen immerhin die Zeit, den Müll nach draußen zu bringen (und es war viel Müll), das Wohnzimmer komplett zu saugen und meine Akten in den neuen Schrank einzuräumen.
Als mein Beinahegöttergatte später wieder aufwacht, fühlt er sich auch nicht besser als vorher (und ich hatte schon gehofft, er würde wie neu geboren aufspringen und auch mal was erledigen). Er entschuldigt sich zwar, dass er sich nicht um seine Sachen gekümmert hat, so richtig einsichtig scheint er mir aber nicht zu sein.
Ich weiß auch nicht mehr, was ich machen soll. Ich kann ihn ja nicht den ganzen Tag zurechtweisen, dann will er irgendwann vielleicht gar nicht mehr nach Hause kommen, weil dort ja nur sein zickiges Hausweibchen wartet :) Auf der anderen Seite… Ist es denn zuviel verlangt, dass Luke auch ein bisschen mehr im Haushalt hilft? Dass er zum Beispiel mal alleine auf die Idee kommt, den Tisch zu decken oder hinterher wieder abzuräumen. Oder dass er selbst sieht, wenn der Müll voll ist. Aber Männer sind vielleicht einfach so. Ihre Augen nehmen Unordnung nicht wahr – und wenn sie es tun, dann wird die Information auf dem Weg zum Gehirn umgearbeitet und mit dem Schild „unwichtig“ versehen.
Ach ja.
Mit dieser Einsicht lasse ich mich auf die Couch fallen, neben Luke, der es sich seit knappen zwei Stunden vor dem Fernseher bequem gemacht hat.
„Na Maus“, lächelt er mich an. Ich versuche auch zu lächeln, bin aber zu müde.
Luke richtet sich auf und schiebt mich auf dem Sofa ein Stück nach vorne. Dann krabbelt er hinter mich, ein Bein links, eins rechts, und fängt an, meine Schultern zu massieren. Eine ganze halbe Stunde nimmt er sich für mich Zeit.
„Muss dich doch ein bisschen belohnen, wo du heute soviel gearbeitet hast“, flüstert er mir ins Ohr und nimmt mich in den Arm.
Und ich weiß plötzlich gar nicht mehr, was ich eben noch für Argumente gegen Männer im Kopf hatte.
Wenn sie einfach nicht kommt…
… dann geht man jedes Mal mit einem flauen Gefühl ins Bad, auf der einen Seite flehentlich hoffend, dass man sie endlich bekommen würde, auf der anderen Seite auch seltsam kribbelig nervös, weil man mit dem Gedanken spielt: Was, wenn ich doch schwanger bin?
Gemeint sind natürlich die Tage, die einen eigentlich jeden Monat zur selben Zeit heimsuchen, um uns Frauen mit Bauchkrämpfen, Rückenverspannungen und Unwohlsein zu quälen. Mich ganz besonders, weshalb ich sie eigentlich jedes Mal zum Teufel wünsche. Aber in den letzten Monaten kam es vor, dass sie sich zwei, drei Tage später meldeten. Da ich durch das Studium ziemlich viel Stress habe, ist das biologisch ganz normal. Die Menstruation einer Frau kann stressbedingt spärlicher ausfallen oder ganz ausbleiben, weil der Körper entschieden hat, dass er diesen Monat gar nicht fit genug für die Entstehung neuen Lebens ist und es deshalb nicht dazu kommen lässt. Aber wer weiß schon, wo da die Grenze liegt?
Eigentlich bräuchte ich mir keine Sorgen machen. Da ich jeden Tag ein kleines, rundes Bonbon zu mir nehme, dass meine Ärztin mir verschrieben hat, drüfte da gar nichts passieren. Schließlich ist die Pille zu 99,9 % sicher. Hm. Das heißt doch, dass nur eine von Tausend Frauen, die die Pille nehmen, trotzdem schwanger wird. Oder statistisch andersherum: Von Tausend Monaten versagt sie nur einmal. Und wenn das nun gerade mir passiert? Dann nützt die Statistik mir auch nichts. Dann wächst da bei mir plötzlich ein Baby im Bauch.
Ja, und dann? Dann fing ich an, nachzudenken. Darüber, wie es eigentlich wäre, Mami zu sein. Ich habe mir das schon oft vorgestellt, und in nicht allzuferner Zukunft möchte ich auch Kinder bekommen. Aber nicht jetzt zu Beginn meines Studiums. Und auch wenn dieser Entschluss rein vernunftgemäß feststeht – irgendetwas in mir brachte mich doch zum Lächeln bei dem Gedanken, schwanger zu sein. Da würde ein winziges Wesen in mir heranwachsen, mit kleinen Ärmchen und Beinchen. Nach neun Monaten könnte ich es dann im Arm halten und liebkosen, es warm halten und stillen. Ihm Lieder vorsingen und mit ihm spielen. Wenn ich dazu nach durchwachten Nächten und vor lauter Windelwechseln noch Zeit hätte. Außerdem wollte ich doch ganz traditionell erst heiraten und dann mit der Kinderplanung beginnen…
Zwei Tage zwischen Nervosität und verträumten Vorstellungen später kam dann die Erleichterung. Nicht schwanger. Mir fiel ein Stein vom Herzen. Jetzt könnte ich einem Baby noch gar nicht das Leben bieten, welches ich mir für einen Sprössling wünsche. In drei bis fünf Jahren sieht das (hoffentlich) schon ganz anders aus. Aber irgendwo in meinem Hinterkopf, vielleicht auch eher etwas tiefer, in meinem Herzen – da war ich ein kleines bisschen traurig. Bis Luke mich dabei beobachtete, wie ich mir über den Bauch strich, mich von hinten umarmte und mir ganz lieb ins Ohr flüsterte: „Bald, mein Schatz, bald.“
Nobody wants a broken heart
Gerstern war wieder einer dieser Tage, an denen man sich fragt: Was machst du hier eigentlich?
Es begann ganz harmlos damit, dass Luke nach Hause kam.
„Hallo Maus“, begrüßte mich sein Strahlen. Ich lächelte zurück, gab ihm einen Willkommen-zu-Hause-Kuss und wendete mich wieder meinem Anatomiebuch zu.
„Ich geh nachher eventuell mit den Jungs weg.“ Luke ließ seinen Rucksack in eine Ecke fallen und setzte sich zu mir aufs Sofa. „Ich glaube, sie wollten gerne herkommen und hier was machen, aber da du ja lernen musst hab ich ihnen gesagt, dass das nicht geht.“
„Okay“, meinte ich nur und runzelte die Stirn. Na fein. Ich war den ganzen Tag alleine zu Hause und mir fiel die Decke auf den Kopf vom vielen Pauken. Ich hatte zur Ablenkung zwischendurch den letzten Badschrank an die Wand gebracht, nach einem Kampf mit der Bohrmaschine ein Regal befestigt und meine Sandsammlung darauf positioniert. Ich hatte im Arbeitszimmer Ordnung gemacht und dann wieder gebüffelt. Und auch wenn ich heute Abend weiterlernen musste, hatte ich mich doch darauf gefreut, ab und zu von Luke umarmt zu werden oder ein paar aufmunternde Worte zu bekommen. Stattdessen ging er weg. Party machen. Klar, hatte er sich verdient, schließlich arbeitete er 8 Stunden am Tag. Aber seit wir zusammen wohnten, sahen wir uns irgendwie kaum noch. Und wenn er abends noch weg war, dann gingen wir auch getrennt schlafen. Nichts mit aneinandergekuschelt einschlummern. Aber okay. Ich gönnte ihm seinen Spaß.
Nur das Wetter offenbar nicht. Gerade, als er loswollte, begann es in Strömen zu regnen.
„Na prima“, murmelte er, denn die Jungs wollten sich draußen treffen.
Ich sah ihn kurz an und seufzte.
„Wenn ihr nicht zu viele seid, dann könnt ihr ruhig auch herkommen. Ich kann doch im Arbeitszimmer lernen“, schlug ich vor.
„Echt?“
„Klar. Dürft ihr halt nur nicht so laut machen.“
Luke gab mir einen Kuss und rief seinen Kumpel Tom an.
Irgendwie freute ich mich sogar ein bisschen. Dann würde ich doch noch zu meinen Aufmunterungs-Umarmungen kommen und mich nicht ganz so einsam fühlen.
Gegen acht Uhr tauchten die drei Kerle auf. Skat spielen sei heute dran, meinte Tom und begann, die Karten auszuteilen. Ich setzte mich zu Luke und begutachtete sein Blatt. Sah gar nicht schlecht aus.
„Musst du nicht lernen?“, meinte er dann fragend.
„Mmh“, murmelte ich. „Hab keine Lust.“
„Musst du aber…“ Er kniff mir kurz in die Seite. „Damit du deine Prüfungen bestehst.“
„Jaja…“, seufzte ich und stand auf. Aber mir fehlte die Motivation. Ich brauchte vorher noch irgendwas schönes, was Produktives auf das ich mich freuen konnte. Da fiel mir der Schrank ein, den wir vor kurzem gekauft hatten und der noch zusammen gebaut werden musste. Würde vielleicht eine halbe Stunde dauern… Ich begann, das Paket aufzuschneiden und mir die Bauanleitung durchzulesen.
„Hui, die Dinger hasse ich“, meinte Simon und beugte sich kurz zu mir.
„Ich dachte du wolltest lernen?“ Tom warf eine Karte auf den Tisch und sah mich nicht mal an, als er das fragte.
„Ja, schon, aber ich hab irgendwie noch nicht so die richtige Motivation.“
Jetzt blickte er zu mir auf. „So wird das aber nichts mit den Klausuren. Hopp, hopp, geh lernen.“
Meinte er das ernst? Ich sah ihn entgeistert an, schüttelte den Kopf und wandte mich wieder der Anleitung zu.
„Du solltest wirklich lernen“, meinte Luke und warf ebenfalls eine Karte auf den Tisch.
„Jetzt noch nicht“, erwiderte ich nur.
Luke sah sich die Karten an und zog seinen Stich ein. „Dann brauchst du aber nicht zu jammern, wenn du wieder durchfällst.“
Na danke. Wie nett. Aber bitte, wenn er mich hier auch nicht haben wollte. Hat er eigentlich Recht, ist ja quasi sein Wohnzimmer. Seine Schrankwand, seine Tische, seine Stühle, sein Teppich. Nur das Sofa ist meins, aber da saßen zwei seiner besten Freunde drauf, die mich offenbar auch lieber loswerden wollten. Also legte ich die Anleitung weg, warf die Schere auf den Karton und verließ das Wohnzimmer.
„Ich hab dich aber lieb“, rief mir Luke hinterher.
„Ich dich gerade nicht“, erwiderte ich nur und meinte es in dem Moment auch so. Tausend Dank, Schatz. Ich hatte einen anstrengenden Tag, und du kommst nach Hause nur um den Abend mit deinen Freunden zu verbringen anstatt mit mir. Klar gönne ich ihm den Spaß, den er immer mit seinen Kumpels hat, aber ab und zu könnte er mir auch zu verstehen geben, dass ich ihm auch wichtig bin. Zum Beispiel indem er mir nicht vor seinen Jungs vorschreibt, was ich tun und lassen soll, oder indem er mich auch mal in Schutz nimmt statt noch einen drauf zu setzen, wenn einer der Jungs was sagt. Auf der einen Seite prahlte er immer mit mir, wie lieb ich zu ihm bin und was für ein Glück er mit mir hat. Aber dann schiener das wiederum für selbstverständlich zu halten. Dass ich für ihn kochte und Wäsche machte. Dass ich die Sachen erledigte, die noch zu machen waren– Bilder aufhängen, Löcher für Hängeschränke bohren, Möbel zusammenbauen. Und dann die Tatsache, dass er mich so bloßstellte. Von wegen ich bräuchte nicht zu jammern, wenn ich schon wieder durchfalle. Ich war bis jetzt durch ein Testat und eine Klasur gefallen, weil ich verdammt aufgeregt war und alles durcheinander gebracht hatte. Beim zweiten Versuch hatte dann alles prima geklappt.
Ich dachte eigentlich, gerade in solchen Situationen sei man füreinander da. Aber jetzt wusste ich nicht, was ich tun sollte, wenn ich tatsächlich durchfallen würde. Offenbar ging ich ihm ja tierisch auf die Nerven mit meinem Gejammer. Vielleicht wäre es ihm lieber, ich teilte nur noch die guten Momente mit ihm.
Ich war ziemlich verletzt. Sicher, irgendwo hatte er Recht und ich musste noch eine ganze Menge lernen. Aber das war kein Grund… Was soll’s. Ich nahm mir mein Buch, verkrümelte mich ins Schlafzimmer und Schlug die Seite auf, bei der ich zuletzt gewesen war. Noch immer kochte es in mir. Es war nicht fair. Ich hatte die Nase voll von diesem Studium. Immerzu lernen, lesen, lernen, lesen… Und Luke verstand es nicht. Wenn ich wieder einen schlechten Tag hatte vor lauter Büffelei, dann meinte er immer nur spaßhaft: „Soll ich deinen Exmatrikulationsantrag schreiben?“
Natürlich sollte er das nicht! Ich wollte dieses Studium schaffen, aber es war einfach hart. Der viele Stoff, der wenige Schlaf, und ganz nebenbei noch die Umstellung auf einen eigenen Haushalt. Das war kein Zuckerschlecken. Wenn er nach Hause kam, pflanzte er sich aufs Sofa vor den Fernseher. Und erledigte den ganzen Abend nichts von dem, was es noch so zu tun gab.
Ich versuchte, nicht daran zu denken und mich auf den Lernstoff zu konzentrieren. Bis gegen elf klappte das auch ganz gut, aber dann überrollte mich die Müdigkeit. Ich schlug das Buch zu und machte mich bettfertig. Als das Licht aus war, seufzte ich noch einmal kurz. Er war während des ganzen Abends nicht einmal gekommen, um nach mir zu sehen. Wenigstens ganz kurz hätte er sich reinschleichen und zu mir setzen können, mir über den Rücken streicheln und mich aufmuntern. Damit ich mich nicht so schrecklich einsam fühlte. Aber er spielte Skat und trank Bier.
Am nächsten Morgen wurde ich von dem Weckerklingeln unbarmherzig aus dem Bett geworfen. Es war sechs Uhr. Ich krabbelte raus und tapste ins Bad. Dann setzte ich Kaffee auf und schüttete mir ein paar Cornflakes in eine Schale Milch. Im Wohnzimmer standen noch immer die Gläser vom letzten Abend auf dem Tisch. Fein. Sollte Luke sie doch wegräumen. Ich war immer noch sauer. Als der Kaffee durchgelaufen war, ging ich zurück ins Schlafzimmer.
„Der Kaffee ist fertig mein Spatz“, versuchte ich, möglichst nicht zickig zu klingen. Wenn ich etwas überhaupt nicht leiden konnte, dann war das, wenn ich Luke anzickte ohne dass er wirklich eine Chance hatte, zu wissen wieso. Und so war das doch bei Männern, richtig? Sie konnten ja schließlich auch keine Gedanken lesen…
„Mmh“, kam es dumpf unter der Bettdecke hervor, gefolgt von einem leisen „Hab dich lieb.“
„Ich dich auch“, murmelte ich zurück und ging in die Stube. Eine Minute später kam Luke tatsächlich durch den Flur getapst.
„Morgen Maus“, murmelte er.
„Morgen.“ Ich reichte ihm seinen Kaffee.
„Danke.“ Er nippte ein paar Schlucke. Dann sah er mich an. „Heute gehen wir wieder zusammen schlafen. Getrennt schlafen gehen ist doof.“
Das sah ich genauso, aber irgendwie reichte mir das noch nicht als Entschuldigung. Also nickte ich nur und stopfte mir einen Löffel Cornflakes in den Mund.
Wenig später war Luke unterwegs zur Arbeit. Die Gläser standen immer noch rum.
Und ich stand im Türrahmen, die Arme verschränkt, die Stirn in Falten gezogen. Was war nur los? Wir liebten uns. Wir waren glücklich miteinander. Und trotzdem schafften wir es immer wieder, aneinander zu geraten. War ich zu streng mit ihm? Ich versuchte wirklich, zu akzeptieren, dass er zu Hause verwöhnt worden war und ich ihm seine Faulheit ganz langsam aberziehen musste, wenn ich überhaupt eine Chance haben wollte. Und ich war gerne Hausfrau. Ich wollte sein, wie meine Mutter, denn ich fand die Tradition schön, dass man für seinen Mann kocht wenn er heim kommt. Aber ich wünschte mir auch Anerkennung für das, was ich tat. Ich wünschte mir mehr Zuneigung, mehr Aufmerksamkeit.
Ist das naiv? Sind Männer so? Muss ich es einfach hinnehmen, wenn er nicht bemerkt, dass er mich verletzt hat? Ihn darauf aufmerksam machen bringt es ja irgendwie auch nicht, denn dann ist er eingeschnappt oder genervt. Vielleicht liegt es ja auch an mir und ich sehe das Ganze zu eng. Doch selbst wenn ich das rational einsehe – mein Herz wünscht sich trotzdem, nicht verletzt zu werden.
Schwiegerelternwochenende
Eigentlich sagt der Titel schon alles. Zumindest denjenigen, die selbst Schwiegereltern haben. Ich habe zwar offiziell noch keine, aber wie bezeichnet man sonst die Eltern des Freundes, den man in naher oder ferner Zukunft vorhat zu heiraten?
Wie dem auch sei. Entgegen einiger eventueller Erwartungen sind meine Schwiegereltern unglaublich nett. Sie haben mich von Anfang an lieb behandelt und waren völlig offen. Mein erster offizieller Besuch als Freundin ihres Sohns war eigentlich ganz unverfänglich. Es gab ein bisschen Kuchen und für mich Anti-Kaffee-Trinker eine heiße Schokolade. Mein Spatz hat mich bei sich auf dem Schoß platziert und wir haben über dies und das geredet. Kurz bevor wir wieder gegangen sind, machte man mich darauf aufmerksam, dass ich meine Schuhe noch anhabe – ups. Aber sonst lief alles bestens.
Auch sonst kommen wir gut miteinander klar. Meistens war mein Freund bei mir, schließlich habe ich schon eine Weile nicht mehr bei meinen Eltern sondern in einer WG gewohnt. Meistens haben wir auch bei mir übernachtet, sodass er quasi nur noch zu Hause war, damit niemand vergaß, wie er aussieht. An den Wochenenden sind wir dann ab und zu zum Mittagessen bei ihm gewesen. Das ist für Studenten ziemlich praktisch ^^ Da Lukes Vater ein Meisterkoch ist, war das Mittag immer ausgezeichnet. Danach haben wir noch ein bisschen geplaudert und ich habe viel über Lukes Kindheit gelernt. Dass er als Baby gut geschlafen und wenig geschrien hat. Dass er gerne Krautrouladen isst, gerne auch zwei, und dass er ausschlafen kann wie ein Igel nach dem Winterschlaf.
Letzte Woche waren wir genau ein Jahr zusammen. Da wurde es eigentlich langsam Zeit, unsere Eltern zusammen zu bringen. Sie hatten sich kurz auf dem Abiball kennen gelernt, aber viel Zeit zum Reden war da nicht. Alsu luden meine Eltern Lukes Eltern auf ein gemeinsames Wochenende ein. Ich war ziemlich aufgeregt. Schließlich wollte ich nicht, dass irgendwas schief ging. Meine Mama kann ziemlich viel erzählen und mein Vati hat in einigen Dingen eben eine feste Meinung. Lukes Vater ist sehr anspruchsvoll, was Essen angeht. Da gibt es keine Kompromisse. Hoffentlich würde ihm alles schmecken. Und wenn sie sich langweilen würden? Na, irgendwie würden wir das schon hinbekommen. Schließlich hatte ich Luke. Der sah das alles ganz locker. Ich machte mir sicherlich einfach nur zu viele Gedanken.
Das Wochenende kam und mit ihm gottseidank schönes Wetter. Lukes Eltern tauchten wie vereinbart nach dem Mittagessen auf. Wir plauderten ein bisschen – die Stimmung wurde lockerer, wickelte meine Nervosität in schönen kleinen Portionen in Kisterfolie und warf sie fort. Das lief doch gut. Und „gut“ konnte ich wirklich brauchen. Bald waren Klausuren und ich müsste eigentlich jede freie Minute zum Lernen nutzen. Ein reibungsfreies Wochenende wäre wirklich das Schönste.
Und soweit konnte ich nicht klagen. Es gab keine peinlichen Situationen und keine seltsamen Schweigemomente. Ich meine, sowas kennt man ja aus dem Fernsehen. Einer sagt etwas Peinliches, aber bekommt es nicht mit. Der andere fühlt sich auf den Schlips getreten und auf einmal ist die Situation total angespannt, alle lächeln und überlegen schweigend, wie sie das möglichst schnell hinter sich bringen können.
Aber meine Eltern waren einfach super. Sie grubenkeine uralten Kamellen über mich aus und hörten sich alles an, was Lukes Vati so zu erzählen hatte. Und er hatte viel zu erzählen. Es gab kein Thema, bei dem er nicht mitreden oder einen guten Tipp beisteuern konnte. Und selbst wenn es doch unglaublicherweise ein Thema gab, zu dem er nicht mindestens eine Anekdote hatte, dann wusste er wenigstens einen intelligenten Kommentar preiszugeben. Ich lernte an diesem Wochenende viel über Lukes Eltern – und Luke, denn er hat sehr viel mit seinem Vater gemeinsam. Manche Dinge perfektioniert er sogar noch. Luke weiß nämlich alles noch besser. Ganz egal was ich sage, er hat immer einen drauf zu setzen. Einen Fakt zum Thema, den er mal gelesen oder gehört hat. Eine Korrektur meiner Aussage, die winzigklein sein kann und trotzdem dringend ausgesprochen werden muss. Und ich fühle mich dann irgendwie… klein und dumm. Ich habe ihm das auch schon gesagt, aber er erwidert dann ich würde damit übertreiben und er meint es ja schließlich nicht so. Tut er auch nicht, es ist halt nur seine Art. Und die hat er ganz offenbar von seinem Vater geerbt. Jaja, der Apfel und der Stamm, nicht wahr?
Trotzdem war das Wochenende sehr schön und wir lachten viel. Nach dem Kaffee gingen wir ein bisschen spazieren – genossen das Wetter, stiefelten durch die Gegend, sowas eben… Abends saßen wir beisammen, tranken Rotwein und kramten nun doch die alten Geschichten aus. Alles in allem war es ein gelungenes Wochenende. Ich hatte mir umsonst Sorgen gemacht. Wäre doch viel schlimmer gewesen, wenn Lukes Vater stumm und grummelnd dagesessen hätte statt lebhaft vokal daueraktiv zu sein. Oder wenn es geregnet hätte. Manchmal denken Frauen einfach zu viel nach.